Public Sector: Tschüss, Papierakten! Hallo, Disruptionskultur!

Anne Becker
Beitrag von Anne Becker am 12.03.20 10:00 Uhr   |   Themen: Interview

DTAD_BLOG_PublicsectorWer träumt nicht davon: seinen Personalausweis mit nur einem Klick zu beantragen oder das KFZ-Kennzeichen digital und einfach umzumelden? Auch wenn die Digitalisierung des Public Sectors in Deutschland gefühlt noch in den Kinderschuhen steckt. Dirk Möller, Senior Manager Sales Public Sector DACH der SAS Institute GmbH, zeichnet ein positives Bild und gibt einen Ausblick wie die öffentliche Verwaltung in Deutschland zukünftig Data und Predictive Analytics erfolgreich einsetzen und nutzen kann.

Herr Möller Sie arbeiten seit über 20 Jahren im Data-Bereich für den Public Sector. Was fasziniert Sie so an Daten und wie hat sich das Datenverständnis in den letzten Jahren in diesem Bereich verändert?

blog-dtad-dirkmoellersas.comDirk Möller: 20 Jahre sind eine lange Zeit innerhalb der IT, da macht selbst der Public Sector keine Ausnahme. Ich denke, die Faszination besteht bei mir vor allem in der vielfältigen Integrationsfähigkeit von Daten und Informationen, die bei der Bewältigung der täglichen Aufgaben helfen. Vor 20 Jahren konnte z.B. die Kommunikation durch die Nutzung von Internet, Datenbanken und E-Mails bereits deutlich schneller und effizienter erfolgen als in der Zeit davor. Heute verfügen wir über eine riesige Menge an Daten unterschiedlichster Natur. Da besteht die Faszination vor allem darin, neue Erkenntnisse und Informationen zu gewinnen, die dann am Ende in die Verbesserung unserer Welt fließen (Verbrechensbekämpfung, -prävention, Gesundheitsvorsorge oder frühzeitige Erkennung von Engpässen bei der Versorgung).

Die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung geht in Deutschland nicht so schnell voran, wie erhofft. Was sind Ihrer Meinung nach Gründen dafür?

D. Möller: Aus meiner Sicht treffen wir hier auf ein sehr menschliches Thema: Veränderungen entstehen entweder aus Not oder aus intrinsischer Motivation. Wir beobachten eine spannende Entwicklung im Bereich der Digitalisierung gerade dort, wo die Not am größten ist. Zum Beispiel beim Kampf gegen Betrug (z.B. Steuer). Hier liegt die Aufklärungsrate um ein Vielfaches höher, wenn man große Datenmengen betrachtet und mit Hilfe von Analytics Anomalien aufdeckt. Aus meiner Sicht fehlt es an Motivation zur Veränderung, weil der einzelne Beamte die Disruptionskultur von Hause aus selten mitbringt. Konkurrenz von außen, wie bei Wirtschaftsunternehmen, gibt es nicht. Aber der gelegentliche politische Druck hilft, um bestimmte Themen voranzutreiben und darin zu investieren.

Weshalb sollte die öffentliche Hand zukünftig noch stärker auf die Anwendung von Data Analytics setzen?

D. Möller: Sollte ein Staatsbediensteter mit hohem Ausbildungs- und Erfahrungsgrad wochenlang Dokumente sichten, um Zusammenhänge zu entdecken, während Analytics das in Minuten oder Sekunden deutlich zuverlässiger für ihn erledigen könnte? Die Art der Tätigkeiten wird sich durch den Einsatz von Data Analytics oder KI verändern und deutlich verbessern. Menschen sollten in der Hauptsache Entscheidungen treffen. Die Maschine kann in Perfektion dabei helfen, die Grundlagen für die menschlichen Entscheidungen schneller und besser aufzubereiten.

Mit DTAD 360 realisieren Auftragnehmer- und Auftraggeber das gesamte Ausschreibungsmanagement auf nur einer digitalen Plattform – angefangen von der Recherche bis zum Customer Beziehungsmanagement. Wie lässt sich der Plattform-Ansatz im Bereich öffentliche Verwaltung effizient integrieren?

D. Möller: Wie bei jeder Plattform steckt der Mehrwert im Kooperationsmodell. Wenn viele Anbieter, Interessenten und die geeignete Menge an Ressourcen auf einer Plattform zusammentreffen, ergibt sich für alle der größte Nutzen. Ich persönlich schätze solche zentralen Formen der Informationsbeschaffung sehr, da wir mit DTAD sehr viel schneller und effizienter den Markt der öffentlichen Aufträge überblicken und adressieren können. Auf Seiten der Auftraggeber könnten Mehrwerte dadurch entstehen, dass man sehr schnell herausfinden kann, welche Vergabestellen über welche Kompetenzen und Schwerpunkte verfügen. Dadurch könnte man bestimmte Beschaffungsarten konzentrieren.

Wie in der Privatwirtschaft ist die Digitalisierung im öffentlichen Sektor immer auch eine Führungsaufgabe? Was könnte sich Verwaltung hier von der Privatwirtschaft abschauen?

D. Möller: Die Führungsaufgabe besteht vor allem darin, dass alle Mitarbeiter(-innen) ein klares und transparentes Bild darüber besitzen, WAS das Ergebnis der Arbeit sein soll UND welchen konkreten Beitrag die- oder derjenige dazu beitragen kann. Digitalisierung ist kein reines Management- oder IT-Thema. Es ist eine neue Art zu arbeiten und schafft viele Freiheiten. Es bedarf einer neuen Disziplin, oder sagen wir Leitlinien, in denen sich jeder wiederfindet. Die öffentliche Verwaltung könnte sich etwas mehr Neugierde, Spaß am Service und Flexibilität bei der Nutzung von neuen Technologien abschauen.

Am 1. Oktober ist der „Vertrag zur Ausführung von Artikel 91c GG“ in Kraft getreten. Bund und Länder regeln hier den gemeinsamen Einsatz von Informationstechnologien in den Verwaltungen. Wo und in welchen Bereichen findet KI, Machine Learning, Predictive Analytics bereits heute im öffentlichen Sektor statt?

D. Möller: Ich persönlich freue mich sehr, dass die Hürden unseres föderalen Modells hier sinnvoller Weise ausgeräumt werden. In einer digitalen Welt gibt es wenig (Landes-)grenzen, daher muss man eigentlich schon fast international denken. Im öffentlichen Bereich finden bereits einige Kooperationen für die genannten Techniken statt. Diese liegen hauptsächlich im Bereich der Sicherheitsbehörden, aber auch im Bereich der Finanz- und Steuerverwaltung, sowie im Gesundheitswesen. Ein aus meiner Sicht zitierbares Projekt ist „Polizei 2020“, das federführend beim BKA liegt und die Kooperation mit und unter den Bundesländern effektiver gestalten soll.

Laut einer Umfrage des Beamtenbundes* würde der Staat circa 300.000 Mitarbeiter zusätzlich benötigen, um die Ziele des Onlinezugangsgesetzes (OZG) bis 2022 zu erreichen. Was muss die öffentliche Hand im Bereich Personal tätigen, um die besten IT- und Data-Spezialisten zu rekrutieren?

D. Möller: Da betone ich – sicherlich nicht uneigennützig – dass spezielle Dienstleistungen in Deutschland ja auch eingekauft werden können und dazu nicht zwangsläufig Personal eingestellt werden muss. Der Wettbewerb um gute Mitarbeiter(innen) wird heute nicht mehr unbedingt über den Dienstwagen oder das höchste Gehalt geregelt. Hier sind Dinge wie die Gestaltung der Arbeitszeit und des Arbeitsortes sicherlich entscheidender. Die Industrie stellt sich sehr flexibel darauf ein, aber die öffentliche Hand verfügt über ein nicht zu unterschätzendes Lockmittel: die Sicherheit des Arbeitsplatzes. In den Diskussionen mit jungen Absolventen höre ich heraus, dass dies zunehmend ein wichtiges Entscheidungskriterium zu sein scheint.

Die Erhebung, Verwaltung und Auswertung von Daten wird zukünftig noch mehr Speicherplatz benötigen? Cloud-Anwendungen bieten sich hier als Lösung an – wie wichtig ist hierbei der Datenschutz?

D. Möller: Der Schutz der Daten hat einen sehr hohen Stellenwert, gerade im Bereich der personenbezogenen Daten. Aber es gibt hier auch Missverständnisse, die man näher betrachten sollte. Ich bin der Meinung, dass professionelle Cloud-Anbieter aufgrund ihrer Aufstellung - personell und technisch - deutlich eher in der Lage sind, Datenschutz zu gewährleisten. Das liegt in der Natur der Dinge: solche Anbieter können sich auf keinen Fall leisten, mit Vergehen gegen die Schutzbestimmungen auffällig zu werden.
Die zunehmende Nutzung von Cloud-Services wird dazu führen, dass auch Vergabeverfahren, Verträge und Sicherheitsbestimmungen noch mal deutlich straffer und passender darauf ausgelegt werden. Und nebenbei glaube ich fest daran, dass es nicht die Kernkompetenz der öffentlichen Hand sein oder werden sollte, IT-Services, Fuhrparks oder ähnliches zu betreiben.

Neben Daten-Erhebung und -Vorhersagen (Predictive Analaytics) - welche Rolle nimmt die Daten-Visualisierung ein?

D. Möller: Die Visualisierung der Daten spielt vermutlich eine der wichtigsten Rollen. Sie ist die Schnittstelle zum Menschen, der daraus Aktionen, Entscheidungen oder tiefergehende Analysen ableitet. Wir arbeiten hier mit erfahrenen und leitenden Beamten zusammen, die Visualisierung und Vorhersagen für die jeweiligen Bereiche und Prozesse anzupassen, um sie möglichst praxisgerecht den täglichen Bedürfnissen näher zu bringen.

Data Mining, Predictive Analytics oder Anti-Fraud Technolgien wie sehen Ihrerseits zukünftige mögliche Einsatzszenarien von Daten für den öffentlichen Sektor aus?

D. Möller: Die Möglichkeiten sind schier unendlich. Um nur ein Thema herauszugreifen, möchte ich auf die Betrugsbekämpfung hinweisen. Hier stehen wir in Deutschland noch am Anfang der Möglichkeiten, die bereits verfügbar sind. Im Prinzip geht es heute darum, den rechtlichen und technischen Rahmen zu schaffen, um auf die erforderlichen Daten zuzugreifen. Denn natürlich nur dann sind Analytics-Lösungen sinnvoll in der Lage, die entsprechenden Hinweise zu finden oder Vorhersagen zu treffen.

Abschließend noch eine persönliche Frage an Sie: Welche drei Daten-Tools sind aus Ihrem beruflichen Alltag nicht mehr wegzudenken?
D. Möller: SAS Visual Analytics, Excel und Outlook

Herr Möller, vielen Dank für das spannende und ausführliche Interview.

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